Wochenkommentar vom 13.1.2013: Demokratie ohne Volk Drucken E-Mail

 

 

Slowenien ist das erste Land der EU, welches ein demokratisches Grundrecht einfach außer Kraft setzt. Die bisherige EU-Praxis bestand in erster Linie darin, Volksabstimmungen, welche gegen die Interessen der EU-Granden ausgingen, einfach so lange zu wiederholen, bis das gewünschte Resultat dabei herauskam.

Erinnern wir uns: Irland 2001: Das Volk lehnt den Vertrag von Nizza ab. die nächste Abstimmung darüber, 16 Monate später, endete mit einer Zustimmung. 2008: Die Iren verweigern per Referendum ihre Zustimmung zum Lissabon-Vertrag. Im Oktober 2009 erfolgt die Zustimmung im 2. Anlauf. In Tschechien wird der Druck auf Präsidenten Vaclav Klaus so lange erhöht, bis dieser schlussendlich unterschreibt. Auch in Österreich gibt es schwere verfassungsmäßige Bedenken gegen das Vertragswerk und gemäß der Umfragen fordert eine Mehrheit des Volkes eine Volksabstimmung darüber. Die Regierung unterzeichnet jedoch das Vertragswerk, ohne das Volk zu befragen.

Slowenien geht nun einen Schritt weiter. Im Herbst des vergangenen Jahres waren zwei Volksabstimmungen geplant, eines über die Reform des Bankensektors und die Gründung einer „bad bank“, eine über die Gründung einer Staatsholding. Aber der slowenische Verfassungsgerichtshof setzte die Volksentscheidung einfach außer Kraft. Die Begründung dafür lautet: „In ihrem Urteil kommen die Richter zum Schluss, dass die Referenden und namentlich die Zurückweisung der zwei Gesetze verfassungswidrige Folgen haben könnten. Angesichts der schweren Wirtschaftskrise hätten Werte wie eine effiziente Ausübung staatlicher Funktionen, die Einhaltung der Menschenrechte, die Respektierung der internationalen Verpflichtungen des Staates und die Sicherung einer effizienten Anwendung von EU-Recht auf slowenischem Territorium mehr Gewicht als das Recht auf Referenden. All diese Werte seien in Gefahr, wenn es dem Staat nicht gelinge, dringende Massnahmen für die fiskalische Stabilität zu verabschieden.“ (NZZ, 21.12.2012)

Man stellt also EU-Recht über das demokratische Grundrecht. Nicht nur in Slowenien, sondern in allen europäischen Ländern mehren sich die Anzeichen, den Volkswillen nur mehr dann zu akzeptieren, wenn er im Interesse der neoliberalen Akteure ist. Ansonsten tritt man ihn mit Füßen, schränkt ihn ein, schafft ihn ab. Demokratie ohne Volk. Ein nicht akzeptables Vorgehen, gegen welches sich alle europäischen Völker entschieden zur Wehr setzen müssen! (Gerhard Kohlmaier)