Wochenkommentare
Woko vom 7.3.21: Ja, spinnen sie, die Finnen? Drucken E-Mail

 

Keine Maskenpflicht, Lokale und Restaurants offen, die Wirtschaft arbeitet. Und das - abgesehen von einem Lockdown im Frühjahr des letzten Jahres - in Coronazeiten.

Corona kennt keine Grenzen, sagt man. Aber offenbar doch, oder aber was läuft anders in diesem Land Finnland, dass das Virus es scheinbar vielleicht nicht so meidet wie der Teufel das Weihwasser, aber auf jeden Fall deutlich weniger mag als die restlichen Länder Europas?

Finnland hat ca. 5,5 Millionen Einwohner, die Bevölkerungsdichte pro Quadratkilometer beträgt 16, weil das Land flächenmäßig nahezu so groß wie Deutschland ist. Österreich hingegen hat 8,9 Millionen Einwohner, pro Quadratkilometer leben an die 106 Einwohner.

In Finnland infizierten sich seit Ausbruch von Covid-19 ca. 58000 Menschen, mit und an Covid-19 starben 742. In Österreich hingegen gab es bis dato 473000 Corona-Fälle und beinahe 8700 Todesfälle.

Nun könnte man alleine diesen Umstand der dünneren Besiedelung als Erklärungsansatz für die niedrige Infektionsrate nehmen. Aber auch in dicht besiedelten Gebieten Finnlands wütet das Virus bei Weitem nicht so stark wie in Österreich bzw. in vergleichbaren Regionen.

So hat Helsinki ca. 650 000 Einwohner mit einer Bevölkerungsdichte von etwas über 3000/km2. Wien hat ca. 1,9 Millionen Einwohner, pro km2 leben 4600 Personen. Also man lebt immerhin auch in Helsinki sehr nahe beisammen.

Helsinki verzeichnete mit Stand vom 4.3.2012 17400 Coronaerkrankungen und 271 Todesfälle. Wien hingegen verzeichnete im selben Zeitraum 89000 Coronaerkrankungen sowie 1649 Todesfälle. Bezogen auf die dreifache Bevölkerungsanzahl von Wien sollten es im Vergleich zu Helsinki nicht mehr als 52200 Infektionen und 800 Todesfälle gegeben haben. Aber es sind eben um über ein Drittel mehr Erkrankungen und sogar etwas mehr als doppelt so viele Todesfälle.

Finnland verhängte bereits im Frühjahr einen zweimonatigem Lockdown und hielt damit die Infektionszahlen relativ gering. Lockdowns im Herbst oder später gab es bislang nicht. Regionale Lockdowns stehen derzeit zwar wiederum bevor, da die Infektionszahlen steigen, aber wie gesagt regional. Dazu kommt, dass die Kontaktverfolgung von Infektionsherden in Finnland besser zu funktionieren scheint als in anderen EU-Ländern. Auch die Einreisebestimmungen waren in Finnland immer deutlich strenger als in anderen Ländern.

Aber andererseits ist das Klima in Finnland sicherlich kein Pluspunkt bei der Eindämmung der Erkrankung, denn der finnische Winter dauert von Anfang November bis hinein in den Mai. Allerdings gibt es in Finnland seit Jahren eine verordnete Vitamin-D-Anreicherung in Lebensmitteln, um einen Mangel entgegenzuwirken. Im Land herrschte nie eine Maskenpflicht, nur seit November eine Empfehlung. Geschäfte, Lokale, selbst die Fitnessstudios sind und waren im Land mit Ausnahme des Lockdowns im Frühjahr offen.

Es gibt zahlreiche Versuche zu erklären, warum das Land bisher so gut durch die Corona-Krise kam, angefangen von einer anderen Mentalität der Bevölkerung bis hin zu einer besseren Digitalisierung oder dem angeblich großen Vertrauen der Bevölkerung in die Regierung. Es fällt allerdings schwer zu glauben, dass diese die Situation im Land in Bezug auf die relativ gute Beherrschung der Infektionszahlen ausreichend begründen.

Sicher scheint, die Finnen spinnen nicht. Und wir?


 
Woko vom 28.2.: Trendumkehr? Drucken E-Mail

 

Spät, aber doch, hat es auch die SPÖ-Chefin Rendi Wagner begriffen: Es gibt ein Problem, wenn man Produktionen wie etwa die von Impfstoffen in die Hände globaler Konzerne legt. Ja, man macht sich von ihnen abhängig - und wie diese Abhängigkeit dann aussieht, das erleben wir gerade jetzt bei der Lieferung bzw. Nichtlieferung von Impfstoffen.

Allerdings bezieht sich diese Problematik nicht nur auf Impfstoffe und sie ist alles andere als neu. Die etablierte Politik der letzten Jahrzehnte hat nicht nur dabei zugesehen, wie wichtige Produktionen in die Hände global tätiger Konzerne gelangen, sie hat auch kräftig dabei mitgeholfen. Auch die sozialdemokratische Partei.

Nun ja, es soll ja angeblich nie zu spät für Einsichten sein. Das gilt natürlich auch für Parteien. Nur sind sie dann daran zu messen, welche Schritte sie unternehmen, um regionale Produktionen zu fördern und das globale Raubrittertum zu bremsen. Also frisch auf, Frau Rendi Wagner, wir sind gespannt darauf, welche weiteren Schritte sie und ihre Partei unternehmen werden, um eine Trendumkehr zu bewirken.

 
Woko vom 21.2.2021 Drucken E-Mail

Wochenkommentar vom 21.2.2021 entspricht dem "Aktuellen Thema" vom selben Tag.

 
Woko vom 14.2.: „Im Paradoxen erscheint die Wirklichkeit“ (F. Dürrenmatt) Drucken E-Mail

 

Friedrich Dürrenmatts paradoxe Komödie „Die Physiker“, vom Schweizer Dramatiker 1961 verfasst, in der es um die Verantwortung der Wissenschafter in Hinblick auf deren Erkenntnisse und deren ethische sowie politische Konsequenzen geht, erfährt in Corona-Zeiten eine wissenschaftstheoretische und tagespolitische Aktualität, welche weit über die literarische Bedeutung des häufig gespielten Stückes hinausreicht.

Abgesehen von Teilaspekten der Handlung sind es insbesondere auch die „21 Punkte zu den Physikern“, also Dürrenmatts Thesen im Anhang des Stückes, welche die besondere Bedeutung und Aussagekraft der Groteske in Hinblick auf das Corona-Dilemma ausmachen.

So etwa wird das planmäßige Handeln, welches im Sinne des Dramatikers ständig von „Zufällen“, durchbrochen wird, zu einer Theorie des Geschehens, durch welche geradezu das Vertrauen in dieses Geschehen schmilzt, es paradox wird.

Bei den Handlungen von Regierungen und Wissenschaftern erfüllen die zahlreichen Pannen sowie die Intransparenz der Entscheidungen diese „Zufallsfunktion“. Das Paradoxe erscheint uns tagtäglich und präsentiert uns eine Wirklichkeit, auf die es zu reagieren gilt. Angefangen von der Einschätzung der Gefährlichkeit des Virus, des Nutzens von diversen Vorkehrungen dagegen bis hin zur entscheidenden Frage der Verhältnismäßigkeit von ergriffenen Maßnahmen sind wir alle tagtäglich mit dem Paradoxen und einer daraus entstehenden neuen Wirklichkeit konfrontiert.

Dürrenmatts 17. These „Was alle angeht, können nur alle lösen“ wäre sodann eine Konsequenz dieser enttarnten Wirklichkeit, welche sich etwa stützend auf Poppers politisch-moralische Regeln zur Problemlösung entwirren ließe. Aber von einer „Vernunft als Wille zur Problemlösung“ ist vielfach wenig vorhanden. Viel zu sehr spielen Interessen eine Rolle, sowohl politische als auch wirtschaftliche. Durch Letztere werden auch die „Betroffenen“ daran gehindert, ihre Beiträge zur Problemlösung zu liefern, was auch ein demokratiepolitisches Problem darstellt.

Die Protagonisten des Stückes, Einstein, Newton und Möbius, nehmen eine vollkommen unterschiedliche ethische Haltung zu ihrer Verantwortung als Wissenschafter ein. Der Corona-Bürger hingegen ist nicht nur mit unterschiedlichen wissenschaftlichen Aussagen konfrontiert, sondern auch mit der Verantwortung der Politiker, welche teils schwer durchschaubar, täglich wechselnd, intransparent und häufig auch unvernünftig zu sein scheint.

Wie formulierte es Dürrenmatt in seiner These 16: „Der Inhalt der Physik geht die Physiker an, die Auswirkungen alle Menschen.“ Auch wenn die Gültigkeit dieses Wissenschaftsbegriffes in der heutigen Realität wissenschaftlichen Handelns und Forschens durchaus zu hinterfragen ist, so sind insbesondere die Konsequenzen, welche die Politik daraus zieht, nicht nur Allgemeingut, sondern fordern vom Bürger geradezu die Auseinandersetzung damit ein.

Dass diese durch die etablierte Politik so weit wie möglich behindert wird, ist der eigentliche Skandal in einer demokratischen und offenen Gesellschaft. Wer nicht zu den Befürwortern von Regierungsmaßnahmen zählt, wird als Querdenker im negativen Sinn oder als Verschwörungstheoretiker diffamiert. Auch das ist bis zu einem bestimmten Grad paradox.

 
Woko vom 7.2.2021: Intellexeram, si tacuisses, Prof. Liessmann! Drucken E-Mail

 

Was kann man von einem Philosophen, wenn er zur momentanen Lage des politischen Handelns in unserer Gesellschaft befragt wird, erwarten? Was muss man erwarten?

Zunächst einmal den Versuch einer kritischen Analyse des Geschehens, sodann eine auf Vernunft begründete Argumentation, welche gerade jene Alltagsbereiche des politischen Tuns sowie seine Konsequenzen für die Bürger eines Landes offen legt.

Nichts davon war in der TV-Diskussion vom 7.2. im Rahmen der Sendereihe „Im Zentrum“ vom österreichischen Paradephilosophen Konrad Paul Liessmann vorhanden. Liessmann, den ich bis dato in seiner Rolle als Philosoph durchaus geschätzt habe, trug zur Erhellung des Geschehens so gut wie nichts bei, badete nahezu genüsslich in teils sinnlosem Geschwafel.

Liessmann ortet bei „genügend Anstrengung“ durchaus Verständnis für die Frustration vieler Menschen bezüglich der Regierungsarbeit in Bezug auf die Bekämpfung der Coronaproblematik, allerdings ortete er die „Grenzen des Verstehens“ genau dort, wo sie die Regierung ebenfalls sieht.

Richtig liegt Liessmann bei seinen Ausführungen darüber, dass es in der Wissenschaft „keine Einhelligkeit gibt“, sondern dass wissenschaftliches Arbeiten im Sinne von Kar Popper ein ständiger Versuch von Verifikation und Falsifikation der erarbeiteten Thesen ist, aus „Kontroverse“ sowie aus „Versuch und Irrtum“ besteht und nie absolute Gewissheit mit sich bringt. Aber auch hier konterkariert Liessmann seinen Redeschwall dadurch, dass er meint: „Leider bin ich kein Virologe, sonst könnte ich genau sagen, wie die Dinge sind und was zu tun wäre.“

Nein, das könnte er nicht. Er könnte Vermutungen aufstellen, er könnte argumentieren, aber immer unter Bedacht darauf, dass es auch andere Argumente geben wird, die abzuwägen sind und unter Umständen stärker als seine eigenen sind.

Liessmann stellt des Weiteren, wenig überraschend, fest, dass das Vertrauen der Bürger in die Politik nicht mehr gewährleistet sei. Dann aber dreht er den Spieß um und stellt die wenig sinnvolle Frage, ob nicht auch die Politik das Vertrauen in die Bürger verloren habe. Als ob die Bürger ein solches jemals gehabt hätten, sieht man von der antiken Vorstellung einer Demokratie und des Verhältnisses einiger privilegierter Bürger dazu ab. Politik ist Macht, wie Liessmann selbst weiß, und da spielt das „Vertrauen in die Bürger“, abgesehen vom Wahltag, so gut wie keine Rolle. Wiederum ein Redeschwall ohne irgendeine Aussage mit vernünftigem Gehalt.

Schließlich versteht der Philosoph auch nicht, warum „Diskussionen so wunderbar im Kreis rennen“ und die Frage des Tragens von Masken in der derzeitigen Situation so „hochstilisiert“ werde. Offensichtlich ist ihm die Diskussion der so genannten Experten über die Schutzwirkung diverser Masken entgangen. Vielleicht hat er auch nicht mitbekommen, dass die Regierung selbst es war, die ursprünglich das Tragen von Masken nicht für sinnvoll hielt. Der „spezielle Sinn“ des Tragens von Masken ist für den Philosophen sonnenklar, und das trotz der angedeuteten Divergenzen in Fachbereichen über diese Frage. Also doch ein Virologe, unser Professor?

Der Philosoph der Nation bedauert auch noch den „Flop“ der Corona-App, ohne auch ein kritisches Wort darüber zu verlieren, so als gelte es nicht auch hier abzuwägen zwischen Vor- und Nachteilen einer solchen Technologie.

Zu guter Letzt geht Liessmann auch noch auf das „Handbüchlein der Moral“ von Epiktet ein und hält einen Kurzvortrag über die Macht in der Politik. Wiederum vollkommen unkritisch, weil die Frage, ob und wann die Bürger der Politik folgen, nur auf die Konsistenz politischer Botschaften

zurückgeführt wird. Nein, so dumm sind die Bürger nicht, Herr Professor, zahlreiche andere Faktoren wie Eigennutz, mediale Beeinflussung usw. spielen dabei eine Rolle.

Es ist erschreckend, mit welch geringem Maß an analytischen und kritischen Bewusstsein sich einer der bekanntesten Philosophen des Landes medial präsentiert. Si tacuisses, philosophus mansisses, Prof. Liessmann!

 
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