Wochenkommentare
Wochenkommentar vom 21.4.2013: Die politisch verordnete Scheinmündigkeit des Bürgers Drucken E-Mail

 

 

Die EU-Granden haben die Scheinmündigkeit der Bürger entdeckt. Jene Mündigkeit also, die in Wahrheit seit Jahrzehnten in den EU-Staaten und in der westliche Welt die echte Bürgermündigkeit und demokratische Mit- und Selbstbestimmung ersetzt hat.

So verkündeten sowohl der Euro-Gruppenchef Jeroen Dijsselbloem als auch der deutsche Finanzminister Schäuble sowie zahlreiche andere Politiker diese Woche, dass das Modell der zypriotischen Bankenrettung in Hinkunft in ganz Europa gelten solle. Das bedeutet unter anderem, dass die so genannten ungesicherten Einlagen, also derzeit jene über 100 000 Euro pro Sparbuch, im Fall des Falles zur Sanierung der Bankinstitute einbehalten werden können. Schäuble meint, es dürfe nicht sein, dass Banken durch höhere Zinsversprechen Kunden anlocken und im Fall einer Pleite, die Verluste der Allgemeinheit aufbürden. Da müsse schon der Kunde selbst zur Kasse gebeten werden. Schließlich und endlich liege es ja in der Verantwortung jedes einzelnen Sparers, welchem Kreditinstitut er sein Erspartes anvertraue.

Das ist eine interessante Vorstellung von Mündigkeit des Bürgers, weil ihn weder eine Bank Einblick in ihre tatsächliche Bilanz noch in ihre Geschäftsgebarungen gewährt. Sie ist eine Widerspiegelung der gesamtgesellschaftlichen Realität, in welcher der demokratische Bürger zwar über eine theoretische Mitbestimmung verfügt, diese aber in der gesellschaftlichen und politischen Praxis gegen Null tendiert. Diese scheinbare Mündigkeit des Bürgers als Resultat eines von der herrschenden Politik unterstützten und vom Normalbürger fast unmöglich zu durchschauenden Netzwerks von Interessen soll somit an die Stelle echter Mündigkeit treten.

Schäuble und die Mehrheit der neoliberalen Politiker verschieben mit dieser Sichtweise von einer zukünftigen Problemlösung bei Bankenproblemen die wahre Problematik hin zu einer Scheinproblematik und tragen somit nicht unwesentlich zum Fortbestand der Systemkrisen bei. Die riskanten Geldgeschäfte der Banken sind nicht die Spareinlagen, ganz im Gegenteil. Es sind zahlreiche andere, längst bekannte Probleme, wie beispielsweise die private Geldschöpfung der Banken, welche sie gleichsam aus dem Nichts durchführen. Es sind hochriskante Spekulationsgeschäfte des Finanzkapitals und risikobehaftete Kreditvergaben, welche die Banken in die Pleite treiben. Es sind - und das weiß seit nunmehr 5 Jahren der permanenten Krise jeder Bürger -  also die "Großen", welche die Pleiten von Banken verursachen, nicht die Sparer, auch nicht jene, die mehr als 100 000 Euro als Sparguthaben besitzen.

Statt diesen hochriskanten, aber für die Investoren profitablen Geschäften einen Riegel vorzuschieben, statt das System der privaten Geldschöpfung durch ein staatliches, von einer Zentralbank kontrolliertes zu ersetzen, also politische Mündigkeit im Sinne einer Verantwortung für die Bürger zu demonstrieren, stellen sich unsere Politiker hinter die Interessen des Finanzkapitals und belassen die Bürger in einer Scheinmündigkeit, die sie im Fall des Falles von ihnen als die vermeintlich Verantwortlichen für die von der Politik verursachten Krisen einfordern. Heute sind es alle Steuerzahler, die für diese unverantwortliche Politik bezahlen, morgen die Sparer, die über Hunderttausend Euro auf die Bank tragen, und übermorgen kann und wird man diese Scheinmündigkeit bei Bedarf auf alle Sparer ausweiten. Dann bleiben Banken eben für alle geschlossen, wenn Sparer ihr mühsam erspartes Geld beheben wollen. Und zwar so lange, bis das Geld der Gläubiger wieder gesichert ist und diese sich auf anderen Finanzplätzen ihrem perfiden Traum von der Geldvermehrung durch Geld weiter hingeben können. (Gerhard Kohlmaier)


 

 
Wochenkommentar vom 14.4.2013 Drucken E-Mail

Der Wochenkommentar vom 14.4. muss aus Zeitgründen entfallen.

 
Fekter agiert als Schutzherrin der Steuerhinterziehung Drucken E-Mail

Österreich wehrt sich mit aller Kraft gegen die Aufgabe des Bankgeheimnisses, allen voran die ÖVP unter unserer Finanzministerin Fekter: "Unser Bankgeheimnis hat eine sehr lange Tradition. Die Menschen in Österreich haben ein Anrecht darauf, dass ihre Sparguthaben nicht nur in monetärer Hinsicht geschützt sind, sondern auch vor einem überbordenden Zugriff auf den Informationsaustausch". (Salzburger Nachrichten, 7.4.2013)

Fekter hat Recht. Unser Bankgeheimnis hat eine lange Tradition und in dieser Tradition diente es vor allem dem Schutz des Finanzkapitals und der Banken, welche dadurch dem Zugriff anderer Staaten auf illegale Gelder sowie der Verfolgung auf Grund von Steuerhinterziehung entkommen konnten. Und diese Tradition will die Finanzministerin unbedingt bewahren und blockiert dadurch auch die Erteilung eines Verhandlungsmandats an die EU-Kommission über eine längst fällige Reform der Zinsbesteuerungsrichtlinie.

In Deutschland wurde das Bankgeheimnis mit dem Inkraftreten des Gesetzes zur „Förderung der Steuerehrlichkeit“ bereits 2005 abgeschafft, auch in allen anderen EU-Staaten mit Ausnahme von Luxenburg, das aber nun ebenfalls zur Aufhebung bereit zu sein scheint, gibt es kein Bankgeheimnis mehr. Das bedeutet, dass in diesen Ländern die Finanzbehörden auch ohne begründeten Verdacht Einsicht in die Kontobestände nehmen können. Auf diese Art und Weise konnte gerade in letzter Zeit (Liechtenstein-DVD als Beispiel) einer nicht unbeachtliche Zahl von Steuersündern großen Ausmaßes das Handwerk gelegt werden. Und das ist gut so, wissen wir doch spätestens seit der Zypernkrise, wie Milliarden und Abermilliarden den Staaten durch Steuerflucht entzogen werden. Geld, das wir dringend brauchen: für Bildung, für die Altersvorsorge, für die Erhaltung unseres Sozialsystems.

Aber Fekter scheint lieber das Kapital vor dem Zugriff des Fiskus schützen zu wollen.

Sie garantiert den europäischen Staaten nur Zusammenarbeit a) bei begründeten Verdacht gegen einen Steuersünder und b) wenn ein ausreichender Österreich-Bezug vorgewiesen wird. Und ich nehme an, die Ministerin möchte wohl auch gerne darüber entscheiden, wann so ein vorgebrachter Verdacht begründet ist und wann nicht. Als ob nicht jedermann wüsste, dass es ja gerade die Kunst der Steuerhinterziehung ist, diese möglichst so zu betreiben, dass sie nicht so einfach nachzuweisen ist, es sei denn durch Öffnung der Konten. Der Fall Grasser beispielsweise führte uns dies klar vor Augen.

Damit schützt Fekter ohne Zweifel nicht die kleinen Sparer, welche sich vor einer Überprüfung ihrer Konten durch die Finanzbehörden nicht zu fürchten brauchen, sondern nach wie vor all jene, die in großem Stil Steuern hinterziehen und in unseren Banken so lange ungehindert speichern können, so lange sie nicht unmittelbar dabei erwischt werden. Und dafür sorgt ja - wie jeder weiß - die breite Palette von Verschleierungsmöglichkeiten für ihre Gelder, welche die wirklich Vermögenden ohnehin in nahezu allen Staaten vorfinden.

Die ÖVP und Fekter stellen sich mit dieser Haltung nicht nur klar gegen die europäischen Gesamtinteressen, die Steuerflucht wenigstens zu erschweren, sie stellt sich im eigenen Land auch gegen die Mehrzahl der BürgerInnen, welche ihre Steuer entrichten. (Gerhard Kohlmaier)

 
Standard-Kommentar Drucken E-Mail

Kommentar der Steuerini auf:  http://derstandard.at/1363705380256/Zypern-Moderne-Pluenderung

 
Zusatzkommentar zum Wochenkommentar vom 17.3. Drucken E-Mail

 

Der Schnellschuss, einen Teil der zypriotischen Sparguthaben zu enteignen, um - wie immer seit dem Ausbruch der Finanzkrise - das Geld von Gläubigern und Spekulanten zu retten und so ganz nebenbei indirekt auch noch Schwargeld zu legalisieren anstatt die Steuerhinterzieher vor Gericht zu stellen, hat die neoliberale Wirkung schon jetzt nicht verfehlt. Zu groß war der Schock, den der Vorschlag verursacht hat, als dass man sich seitens der europäischen Regierungen schleunigst mit den Grundproblemen befassen würde und die längst überfälligen Konsequenzen daraus ziehen würde: Sofortige Schließung von Steueroasen in ganz Europa, strenge Kontrolle des Finanzverkehrs, Bestrafung von Steuerflucht u.a.m.

Statt diesen Auftrag den Regierungen nachhaltig und unmissverständlich zu unterbreiten (Unsere demokratischen Verfassungen bieten noch die Möglichkeit dazu, wie lange noch, ist ungewiss) beschäftigen sich die Steuerzahler nicht nur in Zypern, sondern quer über Europa mit der Frage, wie sie selbst dem Würgegriff am besten entkommen können und lassen - fernab jeglicher Solidarität oder Zukunftsbewusstsein für eine lebenswerte Gesellschaft - die Regierungen ungehindert die nächsten Würgeschritte planen. Diese stehen mit den neoliberalen Lieblingsrezepten bereits bereit - Kürzung der Renten, Kürzungen im Gesundheits- und Sozialwesen, Privatisierung von profitablen Bereichen,... - und agieren weiterhin wie dressierte Pferde.

Die Neoliberalen freut das. Die Sichtweise vom scheuen Kapital, welches nicht vergrämt werden darf, greift wieder einmal, auch in Zypern, auch in ganz Europa. Doch dass das Kapital so scheu ist, hat mit der Unfähigkeit unserer Politiker und Ökonomen zu tun. Die Menschen haben allen Grund sich sowohl vor diesem Finanzkapital als auch vor den Regierungen zu fürchten und sich gegen diese Politik zur Wehr zu setzen. Dafür sollte die zypriotische Bevölkerung die breite Unterstützung der Menschen in Europa erhalten. (Gerhard Kohlmaier)

 

 

 
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