Wochenkommentar vom 6.5.2012: Lehrer und ihre "Privilegien" sowie die gewerkschaftliche Konsequenz daraus Drucken E-Mail

 

Fiskalpakt, ESM, nationaler Stabilitätspakt. - Nach dem Fiasko, das die Finanzmärkte angerichtet haben, ist Sparen bei den Bürgern angesagt. Bei allen! Nach dem griechischen Beispiel werden nun die Arbeitnehmer ganzer Volkswirtschaften zu modernen Sklaven degradiert.

DieTätigkeit der Lehrer wird dabei gewohnheitsmäßig und bewusst in den populistischen Schaukasten der Regierungen und der medialen Berichterstattung gestellt. Ihr Arbeitsaufwand, ihr Arbeitsumfeld eignet sich vorzüglich dafür, die ersten Angriffe gegen die Arbeitnehmer zu starten, denn ihr tatsächlicher Tätigkeitsbereich, ihr wirklicher Arbeitsaufwand findet naturgemäß nicht nur an der Schule statt. Das in erster Linie deshalb, weil der Arbeitgeber es bis heute nicht geschafft hat, den Lehrern die Räumlichkeiten und die nötige Ausstattung zur Verfügung zu stellen, welche sie zur Ausübung ihres Berufes benötigen: Fachbibliotheken und Arbeitsräume sind nicht vorhanden und kosten Geld, welches der Staat für den Bildungsbereich nicht auszugeben gedenkt. Die 40-Stunden-Woche an den Schulen mit der entsprechenden Arbeitsausstattung wäre für jeden Lehrer eine spürbare Entlastung.

Die Ferienordnungen und die so genannte Urlaubszeit der Pädagogen eignen sich jedoch vorzüglich dafür, Neidkomplexe unter der Arbeitnehmerschaft zu entfachen. 9 Wochen Sommererien -  zu lang, und dazu noch die anderen Ferienwochen! Wer hat das schon in der Privatwirtschaft? So der Tenor der Berichterstattung. Die Reaktion der Zielgruppe lässt nicht lange auf sich warten: Ohne eine Ahnung von der tatsächlichen Arbeitsleistung der Pädagogen zu haben, erfolgt die erwünschte Reaktion nach dem Florianiprinzip. Dass die Arbeitsbedingungsverschlechterer während dieses Reflexes nicht mitbekommen, dass ihre Arbeitsbedingungen, ihre Löhne und Gehälter die nächsten sind, welche angegriffen werden, ist Teil der Strategie.

Dazu gesellen sich Schauermärchen über die Gehälter der Pädagogen. Zwei Beispiele  für die wirkliche Entlohnung gefällig? Die derzeit in ganz Österreich begonnenen Reifeprüfungen eignen sich vorzüglich dafür.

Dafür muss man wissen, dass die mit der Reifeprüfungen verbundenen Tätigkeiten eines Lehrers nicht Bestandteil der Lehrverpflichtung sind, d.h. ein Lehrer bekommt für die Maturaklassen nur bis zum Abschluss des Lehr- und Lernjahres (also bis zum Abschluss der 8. Klasse) bezahlt. Das ist im Regelfall Anfang Mai. Seine Tätigkeiten im Rahmen der Vorbereitung und Durchführung der Reifeprüfung sowie für Korrekturen bekommt er extra bezahlt, und zwar wie folgt:

Beispiel 1: Reifeprüfungsarbeit in Deutsch (durchschnittlich 15 A4-Seiten pro Arbeit, incl. Konzept, welches aber auch gesichtet werden muss) - Korrektur der Arbeit, Ausführliche schriftliche Begründung der Note, Statistiken und Gesamtbeurteilung aller Arbeiten: Fürstliche Entlohnung dafür: 19,8 Euro brutto, macht netto ca. 10 Euro für ungefähr 2 bis 2,5 Stunden Arbeit. Macht immerhin einen Stundenlohn von um die 4 Euro. Wahrlich fürstlich, oder?

Beispiel 2: Prüfungsgebühr für eine normale Prüfung bei der mündlichen Reifeprüfung: 11 Euro brutto, also ca. 6 Euro netto. Inkludiert dabei ist die Vorbereitung der Prüfungsfragen, die Zeit, die man als Prüfer bei der Reifeprüfung zubringt, auch wenn man nicht prüft (im Regelfall von 7 Uhr bis 19 Uhr) und die Prüfung selbst. Stundenlohn auf Grund Geringfügigkeit nicht mehr zu berechnen! Wer möchte da nicht Lehrer sein?

Die Lehrer an Österreichs Schulen haben in den letzten Jahren nicht nur empfindliche Gehaltseinbußen hinnehmen müssen, ihr Tätigkeitsfeld hat sich zudem wesentlich erweitert, ihre Belastung ist deutlich gestiegen.

Die nun beginnenden Verhandlungen mit der Regierung über ein neues Dienstrecht für die Lehrer müssen unter diesem Gesichtspunkt stehen, dass die Arbeitnehmervertreter nicht einmal die Spur einer weiteren Verschlechterung dabei hinnehmen. Weder bei den neu eintretenden KollegInnen noch bei den älteren LehrerInnen darf dies geschehen. Im Gegenteil: Wir brauchen an den Schulen mehr Geld, mehr Ressourcen, eine leistungsgerechte Bezahlung. Nur über dieses Mehr kann es Verhandlungen geben, auf keinen Fall über ein Weniger. Und das ist schließlich auch im Sinne aller anderer ArbeitnehmerInnen, die sich auf Angriffe in ihren Arbeitsbereichen einstellen müssen. (Gerhard Kohlmaier)